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Wie mich das Leben auf Reisen verändert hat

Wie mich das Leben auf Reisen verändert hat

Wird mir das Leben im Bus auf längere Sicht gefallen oder habe ich nach ein paar Monaten genug davon? Diese Fragen habe ich mir gestellt, als wir vor 19 Monaten in unseren “Horst” gezogen sind. Roadtrips im Auto kannte ich ja schon und fand diese Art des Reisens super. Langfristig in einem Bus zu leben ist aber etwas ganz anderes. Schließlich geht es jetzt nicht mehr bloß um das Reisen, sondern auch um das Arbeiten von unterwegs. Wie wird das alles funktionieren? Und kann ich mich zum Arbeiten aufraffen, wenn draußen die Sonne scheint und das Meer zum Schwimmen einlädt?

Ja, ich kann es, das weiß ich inzwischen. In diesen 19 Monaten habe ich aber noch mehr gelernt und erlebt. Es waren nicht nur schöne, sondern auch traurige Erfahrungen. Momente, die mich herausgefordert haben und an denen ich gewachsen bin. Erlebnisse, die mir gezeigt haben, was mir wirklich wichtig ist.

Das hat unser mobiles Leben mich gelehrt

Der wahrscheinlich wichtigste Punkt, den ich durch unser mobiles Leben gelernt habe, ist dieser hier: Ruhe bewahren! Was auch immer passiert, es hilft nichts in helle Aufregung zu verfallen. Auch nicht, wenn sich plötzlich mitten auf einer Fahrt, mein Beifahrersitz aus seiner Befestigung löst und ich mich fühle wie auf einem Schleudersitz. Pannen und kleinere oder größere Defekte gehören bei unserem Busleben einfach dazu. Statt wie ein HB-Männchen in die Luft zu gehen, habe ich gelernt, so schnell wie möglich nach einer Lösung zu schauen.

  • Was können wir selber machen, um ein Problem zu beheben?
  • Wer könnte uns helfen?
  • Wen könnten wir fragen?

Und da sind wir auch schon beim zweiten Punkt, den ich als dicke Erfahrung verbuchen kann: Auf Menschen zuzugehen und um Rat oder Hilfe zu bitten.

Früher habe ich gerne versucht, alles alleine zu regeln. Aber das ist unterwegs nicht möglich. Wo bekommen wir ein bestimmtes Ersatzteil oder Werkzeug her? Wo können wir eine Bestellung hinsenden lassen? Wer kann uns beim Reparieren helfen?

Selbst bei absoluten Verständigungsproblemen erleben wir immer wieder, dass uns die Menschen helfen wollen. Diese Erfahrung finde ich großartig!

Um mir helfen zu lassen, gehört aber auch dazu, dass ich meine Maßstäbe lockere. Muss wirklich alles so laufen, wie ich es aus Deutschland kenne? Oder kann ich mich darauf einlassen, dass Dinge auch anders angegangen werden?

Abwechslung statt Eintönigkeit

Den größten Nervenkitzel habe ich dabei beim Friseur. Früher war ich am liebsten immer bei dem gleichen Friseur. Experimente, wenn es um meine Haare geht? Niemals!

Heute bin ich weitaus risikofreudiger. Mir ist es nicht mehr wichtig, dass es ein Highclass-Friseur ist, bei dem alles glitzert und blinkt. Seit wir unterwegs sind, vertraue ich meine langen Haare ganz normalen Dorffriseurinnen an und denke mir dabei: „Die werden schon wissen, was sie tun“. Mal fällt die Friseur ein paar Zentimeter kürzer aus als geplant, mal bin ich über die unkonventionelle, pragmatische Schneidetechnik ziemlich erstaunt. Was ich aber jedes Mal – zusätzlich zur neuen Frisur – dazu bekomme, sind Einblicke in das alltägliche Leben. Und genau daran bin ich interessiert, deshalb reise ich.

Ich merke aber auch, dass ich in den letzten 19 Monaten dünnhäutiger geworden bin. Wir stehen meistens alleine in der Natur und sind von absoluter Ruhe umgeben. Da gibt es wenig, was mich ärgert oder stört. Umso sensibler reagiere ich inzwischen auf Dinge oder Menschen, die mir nicht gut tun. Mein Leben ist zu wertvoll, als dass ich mich mit negativen Menschen umgeben möchte. Deshalb bin ich inzwischen deutlich rigoroser und grenze mich besser ab.

Zum Glück treffen wir aber meistens auf inspirierende, aufgeschlossene und freundliche Menschen. Erst neulich haben wir hier in Griechenland einen jungen Mann aus Belgien kennengelernt, der auf seinem Fahrrad nach Indien unterwegs ist. Dort möchte er zusammen mit Freunden ein Schulprojekt aufbauen. Wir haben ihn eingeladen, eine Nacht bei uns im Bus zu schlafen, schließlich haben wir ein Gästebett. Es war unglaublich spannend, sich mit ihm auszutauschen und von seinen bisherigen Erfahrungen zu hören. Und es fühlt sich auch gut an, selber Gastfreundschaft zu geben, anstatt nur von ihr zu profitieren.

Irgendwann heißt es, sich von diesen Menschen wieder zu verabschieden. Die wenigsten werden wir wiedersehen. Das bringt diese Art des Lebens mit sich. Sie sind Reiseabschnittsgefährten, die unser Leben bereichern – und wir hoffentlich ihres.

Fotos: (c) Nima Ashoff

 

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